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Waren mittelalterliche Bronzetaufbecken auch verkörperte Raummaße? von Reinhold Spichal

Einleitung

Bild eines Bronzegusses
Bronzeguß von Meister Hermann aus Lüneburg, 1310

Während der langen Suche nach verkörperten Längenmaßen, die früher als Eich- oder Vergleichsnormale (Etalons) verwendet wurden, fand ich inzwischen an 19 Rathäusern meist schmiedeeiserne Verkörperungen alter Längenmaße wie Fuß, Elle, Klafter oder Ruthe.
In früheren Zeiten waren wohl an fast allen Rathäusern im deutschsprachigen Raum die jeweils geltenden örtlichen Maße meistens neben dem Eingang im Mauerwerk eingelassen, eingeritzt oder hingen an einer Kette.
Wenn der Bischof als Landesherr auftrat, so ließ er die Vergleichsmaße beim Dom- oder Kirchenportal anbringen. Einige dieser Gotteshäuser, welche heute noch die alten Maßverkörperungen aufweisen, seien hier genannt: Stephansdom in Wien, Freiburger Münster, Bamberger Dom, St.-Martin-Kirche in Colmar, St.-Lorenz-Kirche in Nürnberg, St.-Jacobi-Kirche in Wismar, Pfarrkirche Ochsenfurt und am Dom zu Worms.
Bei der Ausmessung und Auswertung dieser verkörperten Längenmaße stellte ich mir immer wieder die Frage, ob und wo denn auch verkörperte Raummaße wie Faß, Oxhoft, Ohm oder Malter und Scheffel zu finden wären. Die Antwort fand ich im schriftlichen Nachlaß von Otto Spiegler und den Ausführungen des Herrn Prof. Harald Witthöft.

Otto Spiegler (gestorben 1983) aus Ludwigsburg war Eichbeamter und Heimatforscher in Württemberg. Er hat viele romanische Tauf- und Weihwasserbecken in seiner Heimat ausgemessen und dabei festgestellt, dass deren Inhalt immer in Teilen und Vielfachen dem römischen Modius oder der Amphora entsprachen. Das Tauf- oder Weihwasserbecken war vielfach auch Stalen (Normalmaß) für die betreffende Stadt, denn die Maße galten damals als heilig. Ein urkundlicher Hinweis aus dem 16. Jahrhundert für das Weistum Dockweiler (Moselland) untermauert diese Feststellungen: "... ob auch sache were, das die winmaeß verloren were, die sal man holen zu Eller an den wihewasser Kessel ..."
Prof. Harald Witthöft an der Universität Gesamthochschule Siegen arbeitet unter Förderung der Stiftung Volkswagenwerk an dem Forschungsvorhaben "Erfassung und Erschließung der gegenständlichen Überlieferung zur historischen Metrologie im Gebiet des Deutschen Reichs bis 1871/72". H. Witthöft schrieb im Ausstellungskatalog "Stadt im Wandel" (Band 2, S. 803, Braunschweig 1985): "Es war diese Kultur des hohen und späten Mittelalters, deren Kunst der Metallarbeit und des Glockenü wie des Beckengusses die ältesten Großmaße einer neuen Art hervorbrachte, die uns erhalten sind. Die größeren Verkörperungen des älteren Maßwesens wird man in oder an den festen Bau- und Bestandteilen der Kirchen suchen müssen - bis hin zu Steinritzungen und den Taufbecken..."

Untersuchung und Ausmessung alter Bronzetaufen

Bild eines Bronzetaufbeckens aufgenommen im Dom zu Salzburg
Salzburg, Dom, Bronzetaufbecken 1321

Im Jahre 1985 untersuchte der Verfasser siebzehn Bronzetaufbecken im Elbe-Weser-Dreieck und veröffentlichte 1990 die Ergebnisse in dem Buch "JEDEM DAS SEINE" - Markt und Mass in der Geschichte am Beispiel einer alten Hansestadt - (S. 148-151).
Inzwischen wurden weitere 34 Taufbecken, überwiegend zwischen Elbe und Aller sowie im Kreis Lauenburg, ausgemessen und dokumentiert. Auch bei diesen Becken zeigte sich, daß eigentlich nur Bronzetaufen aus dem 13. und 14. Jahrhundert in ihrem Rauminhalt den uns heute bekannten alten historischen Maßen entsprechen.
Urkundliche Überlieferungen über den Bronzegießer, die Herkunft oder das Baujahr einer Bronzetaufe aus diesem Zeitraum waren bei den Kirchengemeinden so gut wie nicht vorhanden. Authentische Angaben finden sich meistens nur, wenn der Gießermeister seinen Namen und das Herstellungsjahr auf dem Beckenmantel der Taufe verewigt hat. In den anderen Fällen konnten die Kunsthistoriker aufgrund der Beckenform, Beschriftung, dem künstlerischen Dekor sowie im Vergleich mit bekannten Bronzetaufen das Herstellungsjahr mehr oder weniger genau bestimmen.
Das Ziel der Ausmessung und Untersuchung dieser mittelalterlichen Bronzetaufen war, festzustellen, ob diese Taufgefäße außer für den sakralen Zweck den Landesherren (Bischöfen) auch als heilige und unantastbare Eichnormale dienten. Dem Bischof stand in jener Zeit für sein Bistum das Regal über Maße und Gewichte zu. Die Abgaben des "Zehnten" an die Kirche in Form von Getreide, Öl oder Wein konnte nur mit entsprechenden Raummaßen, wie u.a. mit Ohm, Malter und Scheffel erfolgen. Die verwendeten Meßgeräte der Bauern, Winzer usw. mußten daher mit einem Normalmaß des Landesherren verglichen werden.

Bild des Ausmessens eines Bronzetaufbeckens

Die Ausmessung der Bronzebecken erfolgte mit einem speziell für diesen Zweck angefertigtem Meßgerät, welches es ermöglicht das Profil der Beckenwand (jeweiliger Durchmesser) in Abhängigkeit vom senkrechten Abstand zum tiefsten Punkt des Beckenbodens zu bestimmen. Die Anzahl der Meßpunkte richtete sich nach der jeweiligen Krümmung der abzutastenden inneren Beckenwand. Hierbei ergaben sich oftmals Schwierigkeiten, weil nachträglich Einsätze mit einer kleinen Taufschale in die Taufbecken montiert wurden.

Bild der Ausmessung der Bronzetaufe im Dom zu Bardowik
Ausmessung der Bronzetaufe im Dom zu Bardowik

Im Mittelalter wurden die kleinen Täuflinge 4 bis 5 Tage nach ihrer Geburt durch dreimaliges Eintauchen in das geweihte Wasser des Taufbeckens dem Taufakt unterzogen. Aus diesem Grunde wurde je nach Temperatur unter dem Bronzebecken ein Feuer zur Erwärmung des Taufwassers entzündet.
Das Taufbecken befand sich in jener Zeit in einer "unreinen" Taufkapelle im Turm, einem Anbau oder in einem Baptisterium außerhalb der Kirche (siehe z.B. das Baptisterium des Domes von Florenz). Erst nach der Taufe durfte der neue Erdenbürger in die Kirche, nachdem die Paten vorher dem Teufel abschwören mußten.

Bild des Teufelsgitters, St.-Nicolai-Kirche zu Wismar
Teufelsgitter, St.-Nicolai-Kirche zu Wismar - Aufnahme: Georg Jedamski

In manchen Kirchen ist oder war das Taufbecken mit einer runden oder mehreckigen Einfriedigung versehen, die als Teufelsgitter oder nach heutiger Auffassung als Familienkreise bezeichnet werden. Im Glauben der Menschen des späten Mittelalters jedoch, sollte der Teufel während des Taufaktes vom Täufling, seinen Eltern und den Paten ferngehalten werden. Der Durchmesser des Teufelgitters beträgt im Mittel etwa 2 Meter und bot den Beteiligten nur wenig Raum um das Taufbecken, so daß im Dom zu Ratzeburg´und in der Stadtkirche von Gadebusch/Mecklenburg die Gitter vom Becken entfernt und heute an anderer Stelle in der Kirche zu sehen sind.
Ein besonders eindrucksvolles Teufelsgitter(16.Jh.) befindet sich in der St.-Nikolai-Kirche zu Wismar um das Taufbecken von etwa 1335.

Bild des Taufbeckens in Lüdingworth aus dem anfänglichen 14 Jh.
Lüdingworth, Anfang 14 Jh.

In der St.-Nicolai-Kirche zu Mölln wird das Taufbecken von 1509 (171 Liter) mit einem Gitter aus geschmiedeten, durchgesteckten Eisenstäben innerhalb eines hölzernen Rahmens umschlossen. Der Zugang wird durch eine kleine Pforte ermöglicht. Die St.-Jakob- und-Dionysius-Kirche (Stadtkirche) in Gadebusch/ Mecklenburg besitzt ein hölzernes Sechseckgitter aus dem Jahre 1659, welches sich auáerhalb der Bronzetaufe von 1450 in der Königskapelle der Kirche befindet.
Der Dom zu Ratzeburg besitzt ein kleines Taufbecken aus dem Jahre 1440 (Inhalt: ca. 41,5 Liter) im Chor. Im nördlichen Querjoch, dem wahrscheinlich ursprünglichen Standort der Bronzetaufe, befindet sich eine ca. 0,6 Meter hohe Bühne, die mit einer Treppe und einem viereckigen, hölzernen und reichbemalten Gitter versehen ist. Auf dem Podest steht heute der reichgeschmückte und mit einem Haken versehene Taufdeckel.
Einige besonders prachtvolle Bronzebecken waren durch große, schwere und reichverzierte Bronzedeckel verschlossen oder mit festen Einbauten versehen, so daá sie deshalb nicht genau von innen ausgemessen werden konnten. Solch ein Deckel wurde vor dem Taufakt vielfach mit einem durch die Gewölbedecke führendes Eisengestänge, Kette o.ä. über eine im Dachgebälk befindliche Ausgleichsvorrichtung abgehoben.
In der St.-Jacobi-Kirche zu Cuxhaven-Lüdingworth sowie in der St.-Nicolai-Kirche Cuxhaven-Altenbruch und in der St.-Nicolai-Kirche Mölln ist eine solche Einrichtung noch vorhanden

Rostock, St.-Marien-Kirche Bronzetaufbecken - 1290 - Aufnahme: Uwe Seemann, Güstrow

Einige der deshalb nicht, bzw. nicht exakt ausgemessenen Bronzetaufen seien hier genannt:

Salzburg, Dom
Becken 1321 von Meister Heinrich gegossen, Deckel aus dem 19. Jh.- In diesem Becken wurde Mozart getauft.- Die Nähe des Waagplatzes und der Getreidegasse läßt vermuten, daß dieses Becken auch als Eichnormal für ein großes Getreidemaß gedient haben könnte.

Danzig, St.-Marien-Kirche, 1554/55 in Utrecht gegossen.

Hildesheim, Dom-St.Bernward,
Bronzeguß eines unbekannten Meisters um 1225.

Rostock, St.-Marien-Kirche,
Bronzeguß eines unbekannten Meisters 1290, grob ermittelter Inhalt: 405 - 420 Liter: entspricht dem Hamburg/Bremer Bierfaß zu 405 Liter oder 1 Danziger "Both" = 2 Oxhoft = 412,2 Liter.

Lübeck, Dom,
Bronzetaufe von Lorenz Grove 1455, grob ermittelter Inhalt 420 Liter. Einstufung wie in St.-Marien zu Rostock.

Gadebusch/Mecklenburg, St.-Jakob- und St.-Dionysius-Kirche,
Bronzeguß eines unbekannten Meisters aus dem Jahre 1450. Inhalt etwa 257 Liter.

Übersicht der Bronzetaufbecken, die bestimmten Standardmaßen entsprechen

St.-Marien-Kirche Lübeck

Lübeck, St.-Marien-Kirche
Das sogenannte Tauffaß(!!) wurde 1337 von Hans Apengeter gegossen. Auf dem Beckenmantel befindet sich oben und in der Mitte ein umfangreiches Schriftband in Latein. Die Reliefdarstellungen zeigen Bilder aus der Heilsgeschichte, die klugen und törichten Jungfrauen sowie die Apostel. Siehe auch die Bronzetaufe von 1335 in der St.Nikolai-Kirche zu Wismar.
Inhalt: 406 Liter entspricht dem Hamburg/Bremer Bierfaß (405 Liter)

Bremen, St.-Petri-Dom

Bremen, St.-Petri-Dom
Bronzeguß eines unbekannten Bremer Meisters um 1220/30. Der Beckenmantel ist mit reichhaltiger figürlicher Ornamentik versehen, besitzt jedoch keine Inschrift.
Inhalt: 216,5 Liter entspricht 1 Oxhoft oder 1 1/2 Ohm Wein (217,5 Liter) oder 3 Bremer Getreidescheffeln zu je ca. 72,5 Liter

Heiligenstadt, St.-Marien-Kirche
Bronzeguß der Meister Hans Tegetmeiger und Arnt Eddelendes 1492. Inschrift auf dem Beckenmantel: "datum anno domini m cccc in dem iar dome schreif /XXXXii do got mi hans tegetmeiger unde arnt eddelendes, heinreck hers unde sin kumpne hans eclen to dusser tit alderlude wern".
Inhalt: 155,2 Liter entspricht etwa 1 Ohm in Hannover (155,52 Liter)

Selsingen, St.-Lambertus-Kirche
Bronzeguß von Goeteke(Gottfried) Klinghe 1498 (früher in der Stader Pancratius-Kirche).- Der Beckenmantel ist mit biblischen Szenen geschmückt und trägt die Inschrift: "s anna s katrina s margreta s doratea s barbara + goeteke klinghe de mi gegoten had got geve siner sele ra + Anno dm mccccXcViii"
Inhalt: 155,8 Liter entspricht etwa 1 Ohm in Hannover (155,52 Liter)

Salzhausen, St.-Johannis-der-Täufer-Kirche
Bronzeguß eines unbekannten Lüneburger Meisters aus dem 13./14.Jahrh. Der Beckenmantel ist rundum mit einem germanischen Lebensbaum und Vignetten verziert, er trägt aber keine Inschrift.
Inhalt: 153 Liter entspricht etwa 1 Ohm Mainzer Eiche (150,86 Liter)

Cuxhaven-Altenbruch, St.-Nicolai-Kirche - Bronzetaufe um 1325

Cuxhaven-Altenbruch, St.-Nicolai-Kirche
Bronzeguß vermutlich von Meister Ulricus aus Bardowick um 1325. Der Beckenmantel trägt viermal das Relief des thronenden Christus umgeben von Evangelistensymbolen und der spiegelbildlichen lateinischen Inschrift: "QVI BAPTIZATUR. HOC. FONTE. LAVATUR" (Wer in diesem Becken getauft wird, der wird rein)
Inhalt: 152,8 Liter entspricht etwa 1 Ohm Mainzer Eiche (150,86 Liter)

St.-Johannis-Kirche Oederquart

Oederquart, St.-Johannis-Kirche
Bronzeguß von Meister Ulricus aus Bardowick um 1325. Verzierungen auf dem Beckenmantel mit Inschrift wie in der St.-Nicolai-Kirche zu Cuxhaven-Altenbruch (s.a. Bronzetaufen in Büsum, Marne und Holdenstedt).
Inhalt: 150,75 Liter entspricht etwa 1 Ohm Mainzer Eiche (150,86 Liter)

Lauenburg/Elbe, Maria-Magdalenen-Kirche
Bronzeguß von Cord Friedebusch 1466. Der Beckenmantel besitzt ein Laubstabfries und zeigt die Kreuzigungsgruppe, Marienkrönung und Maria mit Heiligen. Die Inschrift lautet: "IN NOMINI ANNO DOMINI MCCCC LX Vl. LAUS ET GLORIA DEO SIT IN SECULA AENE MISERE ONSTR (nostri)". (Im Namen des Herrn im Jahre des Herrn 1466 Lob und Ehre sei Gott in Ewigkeit. Erbarme dich unser.)
Inhalt: 150 Liter entspricht etwa 1 Ohm Mainzer Eiche (150,86 Liter)

Lüdingworth, St.-Jacobi-Kirche
Bronzeguß eines unbekannten Meisters aus dem Anfang des 14.Jahrh. Der Beckenmantel weist figürliche Reliefdarstellungen und eine spiegelbildliche lateinische Inschrift auf: "+SIT ... FONS VIVUS AQUA RE(gener)ANS UNDA PURI (ficans)", (Heilige lebendige Quelle, Wasser der Erneuerung, reinigende Welle). Ähnliche Inschriften siehe auch in Schneverdingen und Ebstorf. Das Becken steht auf einer mit Ziegeln gemauerten Feuerstelle.
Inhalt: 146,3 Liter entspricht etwa 1 Ohm Wormser Eiche (145-146 Liter)

St.-Jacobi-Kirche Wietzendorf

Wietzendorf, St.-Jakobi-Kirche
Bronzeguß eines unbekannten Meisters um 1350. Der Beckenmantel weist zwei Vignettenringe auf, zwischen denen sich ein germanischer Lebensbaum rankt, er trägt jedoch keine Inschrift. Auf der eingehängten Taufschale steht: "DEO OPT.MAX.WARNERUS HEIOBECIUS. ANNO 1650".
Inhalt: 145,1 Liter entspricht etwa 1 Ohm Wormser Eiche (145-146 Liter)
Bardowick, Dom St. Peter und Paul
Bronzeguß eines unbekannten Lüneburger Meisters 1367. Der Beckenmantel zeigt in 13 Bildern "Christus als Weltenrichter" und die 12 Apostel. Die Inschrift lautet: "D' BONIS ECCL' E + BIRDOWICKID: LAVHORV + SPAVT + DMI + M.CCC.VXVII +OHES OM" (Gaben ihre Güter der Kirche von Bardowick: Lauhorn, Spaut+Anno 1367 Johannes Om)
Inhalt: 145,1 Liter entspricht etwa 1 Ohm Wormser Eiche (145-146 Liter)

Im Text übersetze Inschrift

Osterbruch, St.-Petri-Kirche
Bronzeguß eines unbekannten Meisters aus dem 13. Jahrhundert. Der Beckenmantel ist mit germanischen Lebensbäumen verziert. Unter dem oberen Rand befindet sich die abgebildete Inschrift.
(Himmelslenker erhöre und bewahre uns. Unser würdiger Heiland hilf und rette uns durch das Ausgießen deiner Quelle.) Der Beckenboden mit den drei Ständern scheint früher erneuert worden zu sein, so daß der Inhalt des Beckens sich etwas verändert hat.
Inhalt, 144,1 Liter entspricht etwa 1 Ohm Wormser Eiche (145-146 Liter)
Anmerkung: Im Mittelalter war die Ohmtonne die bedeutendste Handelsgröße für Öl und Wein. Die Masse der Ohmtonne entsprach der Sattellast eines Tragtieres im transalpinen Verkehr, auch Saumlast genannt.

Lüneburg, St.-Nicolai-Kirche - Bronzetaufe um 1325

Lüneburg, St.--Nicolai-Kirche
Bronzeguß von Meister Ulricus aus Lüneburg um 1325, früher in der 1639 abgebrochenen St.-Cyriacus-Kirche. Der Beckenmantel ist durch Doppelriemchen in Zonen geteilt und besitzt keine Inschrift. In der oberen Zone läuft eine Weinlaubranke um das Becken. Unten befinden sich kleine Figuren und Vignetten.
Inhalt: 112,5 Liter entspricht 1/2 Oxhoft (112,4 Liter) in Braunschweig.

Osnabrück, Dom St.-Petrus
Bronzeguß von Meister Gerhardus aus Niedersachsen um 1220. Der Beckenmantel trägt zwei Schriftbänder mit den Namen der Stifter und des Gießers. In fünf halbrunden Schriftbändern befinden sich biblische Darstellungen. Wegen Einbauten konnte das Becken nicht genau ausgemessen werden.
Inhalt: etwa 111 Liter entspricht 1/2 Oxhoft (111,5 Liter) im Lipperland.

Bülkau

Bülkau, St.-Johannes-der-Täufer-Kirche
Bronzeguß eines unbekannten Meisters aus dem 13. Jahrhundert. Um den oberen Beckenmantel zieht sich ein Schriftband mit lateinischer Inschrift. "+ORE TVO CRISTE+BE(ne)DICTUS SIT LOCUS ISTE+AVE MARIA+" (Durch deinen Mund, Christus, möge diese Stätte gesegnet werden, Gegrüßt sei Maria) und darunter ein Wappenschild mit einem Falken.
Inhalt: 108,2 Liter entspricht 1/2 Oxhoft (108,7 Liter) in Bremen.

Bronzetaufbecken, die Getreidemaßen entsprechen:

Schneverdingen, Peter- und Pauls-Kirche
Bronzeguß eines unbekannten Meisters aus dem 14.Jahrhundert. Der Beckenmantel ist durch Doppelriemchen in Zonen geteilt. In der oberen Zone befindet sich die Inschrift: "+SANCTUS*FONS*VIVUS*AQUA*REGENERANS*UNDA* PURIFICANS+"(Heilige lebendige Quelle, Wasser der Erneuerung, reinigende Welle). Gleiche Inschrift wie in Lüdingworth und Kloster Ebstorf.
Inhalt: 174,7 Liter entspricht 1 Malter = 12 Scheffel (175 Liter) in Hoya/Weser

Winsen/Aller, Bronzeguß spätes 13. Jahrhundert

Winsen/Aller, Kirche St.-Johannes-des-Täufers
Bronzeguß eines unbekannten Meisters aus dem späten 13. Jahrhundert. Der Bronzemantel trägt figürliche Darstellungen in starkem Relief. In gotischen Spitzbogenfenstern mit Kreuzkrabben befinden sich u.a. Evangelistensymbole, die Heiligen drei Könige und Maria mit Christuskind, jedoch keine Inschrift.
Inhalt: 124,6 Liter entspricht 2 Scheffel (124,42 Liter) in Lübeck und Hannover.

Ebstorf, Klosterkirche
Bronzeguß von Meister Hermann aus Lüneburg 1310. Der Beckenmantel ist durch vier Dreifachriemchen in Zonen geteilt. In der mittleren Zone befinden sich 13 Vignetten und in der oberen Zone die Inschrift: "*SIT*FONDS*VIWS*AQUA*REGENER NDS*VND N* PURIFICN3*". Gleiche Inschrift und Übersetzung wie in Schneverdingen und Lüdingworth.
Inhalt: 187,2 Liter entspricht 1 Malter = 6 Himpten (186,6 Liter) in Hannover.

Osterwieck, St.-Stephani-Kirche
Bronzeguß eines unbekannten Meisters aus dem 13.Jahrhundert. Der Beckenmantel ist durch drei ausgemeißelte Friese geschmückt und besitzt keine Inschrift.
Inhalt: 188,5 Liter entspricht 1 Malter = 6 Himpten (187,9 Liter) in Rinteln/Weser.

Außer den Bronzetaufbecken befanden sich in den Kirchen vielfach Steintaufen aus Sandstein, Granit oder Marmor.

Als Beispiel sei hier genannt:
Verden/Aller, Dom-St.-Maria-und-Caecilia
Romanisches Sandsteinbecken um 1150. Der obere Beckenrand ist umlaufend mit germanischen Lebensbäumen dekoriert.
Inhalt: etwa 130 Liter

Ein wohl einzigartiges Taufbecken aus Blei befindet sich im Lande Wursten in Mulsum, St.-Marien-Kirche
Bleiguß eines unbekannten Meisters um 1500 . Der Beckenmantel ist durch drei einfache Riemchen geteilt und steht auf drei Stützfiguren, er trägt keine Inschrift. Auf dem Beckenrand kragt ein Engelskopf hervor.
Inhalt: 74,4 Liter entspricht 1 Bremer Scheffel um 1450 (74,07 Liter)

Das hölzerne Taufbecken in der Johanniskapelle zu Adendorf bei Lüneburg ist für Norddeutschland einmalig. Der gotische Taufständer besteht aus Eichenholz und kommt aus der Zeit um 1400.

Eine weitere Rarität dürfte wohl auch die hölzerne Taufe im Alten Land sein.
Grünendeich, St.-Marien-Kirche
Das auf vier Füßen stehende Taufgefäß (um 1617) ist mit 12 geschnitzten Figuren versehen und reich bemalt. Am oberen Rand befindet sich die Aufschrift: "Wol dar gelovet und gedoft werdt, de werdt salich werden, wol averst nicht gelovet, de wert verdamet werden."

Ergebnis der Untersuchungen

Bronzetaufbecken von 1509 mit abhebbarem Deckel und Teufelsgitter in der St.-Nicolai-Kirche zu Mölln.

Waren nun die mittelalterlichen Bronzetaufbecken, neben ihren sakralen Zweck als Taufgefäße, auch Raummaße, die der Verkörperung von Eichnormalen für den Vergleich mit den örtlichen Handelsmaßen dienten?
Diese Frage kann nicht eindeutig beantwortet werden. Die Untersuchungen haben jedoch gezeigt, daß von 27 ausgemessenen Bronzetaufen aus dem 13. und 14. Jahrhundert 19 Gefäße alten historischen Raummaßen entsprachen. Signifikant wäre dies Ergebnis jedoch erst, wenn man alle Bronzetaufen des späten Mittelalters im deutschen Sprachraum erfassen, ausmessen und auswerten könnte. - Ein urkundlicher Beweis aus jener Zeit für die gleichzeitige Nutzung der Bronzetaufen als "heiliges" Eichnormal (wie in der Antike) liegt bisher nicht vor.
Die Untersuchung und Ausmessung von insgesamt 51 Bronzetaufbecken in den romanischen oder frühgotischen Kirchen war teilweise anstrengend aber immer wieder ein Erlebnis. Diese mit bildlichen Darstellungen, Ornamenten und Inschriften versehenen ehernen Zeugen aus einer 800-jährigen Vergangenheit regten besonders an ihrem Aufstellungsort zum Nachdenken an. - Wieviele Generationen von kleinen Erdenbürgern wurden wohl in solch einem Bronzegefäß dem christlichen Taufakt unterzogen, um in unserem Kulturkreis ihr Erdenleben zu beginnen?

Der Autor Reinhold Spichal war 34 Jahre im bremischen Eichdienst und
davon 10 Jahre als Amtsleiter des Eichamtes Bremen tätig.

Bremen, 09. März 2000